Bewegung und Lebendigkeit
Interview mit Sr. Mechtild Meckl, Generaloberin der Congregatio Jesu von 2002 bis 2011
Sie waren 18 Jahre im Generalat des Ordens in Rom, zunächst als Generalvikarin, dann neun Jahre als Generaloberin. Was haben Sie als Höhepunkte in Ihrer Zeit als Generaloberin erfahren?
Sr. Mechtild Meckl: Ein Höhepunkt war zweifellos das 400-jährige Jubiläum unserer Gründung. An der Auftaktveranstaltung im Oktober 2009 in Rom haben über 1000 Leute aus allen fünf Kontinenten teilgenommen. Diese Veranstaltung wurde von beiden Zweigen – den Loretos und uns – gestaltet. Dabei hatten wir eine Einstiegsphase an der Piazza del Populo, wo wir die Pilgergruppe aus Lüttich begrüßt haben. Das war auch für etliche Rombesucher sehr interessant, denn einige junge Schwestern waren in historischen Kostümen gekommen. Dann gab es ein Konzert mit Musik aus der Zeit Maria Wards, einen großen Gottesdienst, eine Papstaudienz im Rahmen einer Generalaudienz. Es war ein großes Fest, durch das Maria Ward und die Congregatio Jesu in der Öffentlichkeit wieder sehr präsent waren. Die hohe Beteiligung hat auch unter den Schwestern einen gewissen Enthusiasmus hervorgerufen: Die Congregatio Jesu lebt!
Ein anderer Höhepunkt war die Anerkennung Maria Wards als Venerabilis. Das ist nun ein Faktum, hinter das niemand zurück kann, auch die Kirche nicht.

Sind Sie während dieser Zeit auch viel in die Provinzen gereist? Und welche Eindrücke haben Sie dabei gewonnen?
Sr. Mechtild Meckl: Das Reisen ist sicher einer der Schwerpunkte der Arbeit im Generalat. Darum wird man auch beneidet, weil man wirklich die Welt kennenlernt. Ich habe die Provinzen und die meisten Kommunitäten mindestens einmal, meist zweimal, manchmal auch öfter besucht und habe schon einen gewissen Eindruck von der Congregatio Jesu als Ganzes. Zusammenfassend kann ich sagen: Die Congregatio Jesu lebt. Da, wo Bewegung ist, wo Veränderung ist, da ist Leben.
In den letzten neun Jahren hat es viele Veränderungen im Orden gegeben, was die Struktur angeht. Da gab es die Zusammenlegung von acht früheren Provinzen zur Mitteleuropäischen Provinz. Zwar mussten hier Häuser geschlossen werden, aber wenn ich mir die Veränderung seither insgesamt anschaue, dann muss ich sagen, dass die Attraktivität der Congregatio Jesu durch den Zusammenschluss stark zugenommen hat. Hier ist Dynamik, hier ist Leben, es ist was los, es gibt auch wieder laufend Eintritte. Das ist eine Entwicklung gewesen: Mehrere Provinzen schließen sich zu einer zusammen.
Es hat aber auch auf dem indischen Subkontinent die umgekehrte Bewegung gegeben. In der Zeit, als ich Generalvikarin war, habe ich gesehen, dass die zwei indischen Provinzen einfach zu groß geworden waren. Allein durch die riesigen Entfernungen war gute Leitung nicht mehr möglich. So entwickelten sich in den letzten neun Jahren aus den zwei Provinzen fünf jeweils eigene Verwaltungseinheiten – Provinzen beziehungsweise Regionen: Nepal im eigenen Land, Allahabad, Delhi und Patna im Norden Indiens und nun noch die neue indische Südprovinz mit Sitz in Bangalore. Auch auf dem indischen Subkontinent tut sich also viel.

In wieder anderen Provinzen haben wir Veränderungen in Form von Ausdehnungen. Die flächenmäßig kleine koreanische Provinz ist zu einer unserer mitgliederstärksten Provinzen herangewachsen und wirkt nun im Norden nach China und die Mongolei hinein.
Auch die junge, dynamische slowakische Provinz hat sich verändert. Weil in Tschechien kein Wachstum der Congregatio Jesu mehr zu verzeichnen war, fusionierten die frühere tschechische und die slowakische Provinz zu einer. Die neue slowakische Provinz strahlt nun in die Ukraine, nach Südrussland und nach Sibirien aus.
Auch in Kuba haben wir in den letzten neun Jahren neu angefangen. Gerade wird neben der bestehenden Kommunität in Rodas eine weitere Niederlassung gegründet. Wir sind aktuell in der Entscheidungsphase, aus drei möglichen Orten den geeignetsten auszuwählen. Das politische Klima in Kuba ist etwas offener geworden. Wir engagieren uns dort im pastoralen Bereich und auch in einigen sozialen Projekten. Die Schwestern arbeiten mit dem Pfarrer im Team oder sie betreuen auch kleinere Filialen der Pfarrei.
Haben Sie gute Kontakte in den Vatikan hinein aufbauen können – etwa zum Vorsitzenden der Kongregation für die Orden?
Sr. Mechtild Meckl: Kontakte zum Vatikan sind häufig und wichtig, auch wenn wir mit dem Vorsitzenden, dem Präfekten der Kongregation für die Orden faktisch keinen direkten Kontakt haben. Die Leiter der Kongregationen haben quasi einen Ministerrang, und überlassen das „operative Geschäft“ ihren fachkundigen Mitarbeitern. Wir haben also mehr mit den Monsignori zu tun, die auf dieser Ebene angesiedelt sind.
Wichtig für uns sind die Sektionen, die nach Sprachgruppen aufgeteilt sind. Ich habe vor allem den Kontakt zur deutschen Sektion gepflegt. Die Assistentinnen haben den Kontakt zu den anderen Sprachsektionen gepflegt, so dass man von verschiedenen Seiten her zum Vatikan Zugang hatte. Das hat den Vorteil, dass die Mitarbeiter der Sprachsektionen sich in den jeweiligen Ländern auch auskennen und die Situation einschätzen können. Ich musste mich natürlich mit dem Vatikan besprechen, als es um Entscheidungen ging, in Kuba oder in China zu wirken, weil es sich um kritische Regionen handelt. Der Vatikan begleitet solche Vorhaben mit Interesse und kann auch dazu gut beraten. Wichtig für uns war auch das Staatssekretariat im Vatikanstaat. Das ist vergleichbar mit dem deutschen Bundeskanzleramt, wo politische Entscheidungen getroffen werden. Wir kommen natürlich nicht mit seinem Leiter Kardinal Tarcisio Bertone zusammen, aber wir kennen dort einige Mitarbeiter, die uns gegenüber wohlwollend eingestellt sind und die auch bei uns im Generalat Gäste waren.
Wie sieht es eigentlich mit diesen Kontakten aus, wenn jetzt die ganze Ordensleitung neu antritt? Geht da nicht viel wertvolles Wissen umeinander verloren?
Sr. Mechtild Meckl: Ich habe darüber schon mit Sr. Elisabeth Kampe gesprochen, die im Januar nach Rom geht. Sie wird sich vor Ort noch mit der bisherigen Generalsekretärin Sr. Gertrud Himmel, die noch für eine Übergangszeit in Rom bleiben wird, austauschen können. Dabei sind nicht nur die offiziellen Kontakte wichtig, sondern oft auch solche, die auf persönlichen Begegnungen und Freundschaften basieren. Ich denke hier zum Beispiel an einen Schweizer Gardisten, mit dem Sr. Gertrud Himmel befreundet ist und der uns schon viel geholfen hat.
Haben es Frauenorden im Vatikan eigentlich schwerer als Männerorden?
Sr. Mechtild Meckl: Frauenorden haben im Vatikan eine andere Stellung als Männerorden, weil die Besetzung der Positionen ganz klar maskulin ist. Die „Ministerposten“ gehen an die Männer, weil sie die Priester sind. Allerdings gibt es in letzter Zeit Versuche, auch Frauen Positionen mit Entscheidungskompetenz zu übertragen. Eine Frau wurde zur Sekretärin einer Kongregation ernannt. Darunter darf man sich im Vatikan keine Schreibkraft vorstellen, sondern bei den Sekretären laufen die Fäden zusammen, sie sind Personen mit Entscheidungskompetenz. Und allmählich werden auch mehr Frauen in die Kongregationen geholt. Das sind ganz positive Ansätze. Wir haben von den Loretos eine Schwester, die als Beraterin in die Ordenskongregation berufen wurde. Insofern haben wir nun einen leichteren Zugang dorthin. Aber insgesamt brauchen Frauen in der Kirche nach wie vor einen langen Atem.
Sehen Sie die Congregatio Jesu und die Loretos auf dem Weg zu einer immer stärkeren Kooperation und vielleicht sogar zu einer Vereinigung?
Sr. Mechtild Meckl: Schon im Jahr 1900 wurde in Rom ein Unionskapitel aller damaligen Generalate einberufen. Das wurde leider abrupt abgebrochen, ohne dass es zu einem greifbaren Ergebnis kam. Aber das Interesse an der Union lebte weiter, so dass es inzwischen die Vereinigung mehrerer Generalate gab. Derzeit haben wir nur noch zwei Institutszweige.
Momentan sind wir in einem ganz vertrauten Verhältnis zueinander. Der Sitz der beiden Generalate befindet sich in derselben Straße in Rom, so dass es sehr einfach ist, sich regelmäßig zu sehen und Informationen auszutauschen. Ich habe mich mit der Generaloberin, Sr. Mariann, regelmäßig getroffen, um Dinge durchzusprechen oder vorzubereiten. Die Kontakte an der Spitze sind gut, auch an der Basis pflegen einige Schwestern schon gute Kontakte zueinander. Was noch etwas fehlt, sind vertraute Kontakte auf der „mittleren Ebene“ der Provinzen.
Wir wollen von beiden Seiten auf mehr Gemeinsamkeit hinarbeiten. So könnten sich beispielsweise die Provinzoberinnen beider Zweige treffen, um sich auf dieser Ebene kennenzulernen und den Wunsch nach mehr Gemeinsamkeit in ihren Provinzen zu multiplizieren. Es sind verschiedene Vorschläge bei der Generalkongregation gemacht worden, wie wir noch besser zusammenwachsen können. Die Idee ist, dass wir wieder ein Institut werden. Maria Ward hat einen Orden gegründet, nicht zwei. Wir sind eine Gründung, und die beiden Zweige haben sich nur durch die geschichtliche Situation herauskristallisiert.

Mary Ward ist nun schon seit zwei Jahren Venerabilis. Kommt jetzt bald die Seligsprechung?
Sr. Mechtild Meckl: Der Status der Venerabilis war ein wichtiger Schritt. Er besagt ganz klar, dass Maria Ward von der Kirche rehabilitiert wurde. Wir und unser Postulator hatten die Hoffnung, dass dann ganz schnell der nächste Schritt kommt. Wir hatten ja einen Wunderprozess in der Diözese Bozen-Brixen abgeschlossen und die Unterlagen nach Rom gegeben.
Aber es gestaltet sich komplizierter. Es stellt sich derzeit die Frage, ob dieser Wunderprozess von der Kirche angenommen wird, weil es sich um einen historischen Wunderprozess aus dem Jahr 1936 handelt, zu dem medizinische Unterlagen durch den Krieg verloren gegangen sind. Unser Postulator hat derartige historische Wunderprozesse allerdings schon bestätigt bekommen. Wir werden sehen, wie es damit weitergeht.
Wir hängen in der katholischen Kirche noch immer sehr an einem sehr traditionellen Wunderverständnis. Dabei ist doch das eigentliche Wunder, dass die Congregatio Jesu nach 402 wechselvollen Jahren immer noch besteht und apostolisch wirkt. Wäre es nicht einmal an der Zeit, unsere Vorstellungen von einem „Wunder“ zu aktualisieren?
Sr. Mechtild Meckl: Es wird tatsächlich viel darüber gesprochen, dass unser traditionelles Wunderverständnis in der heutigen Zeit, vor allem in Deutschland, nur schwer nachvollziehbar ist. Aber momentan ist ein physisches Wunder de facto derzeit der einzige Weg zur Seligsprechung. Zugleich sehe ich, wie bekannt Maria Ward ist. Die Seligsprechung wäre schön, aber das wichtigere war, dass Maria Ward von der Kirche rehabilitiert ist und als verehrungswürdig anerkannt wurde. Interview: Gabriele Riffert
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